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ERP steht vor einem grundlegenden Wandel: von einem System für Transaktionen hin zu einer intelligenten Plattform, in der Daten, KI und autonome Agents zusammenspielen.
In unserer achtteiligen Agentic ERP Insights Series beleuchtet Marco Rey y Sander, ERP Experte bei Visionet, was dieser Wandel für Unternehmen konkret bedeutet – von Finance und Supply Chain über Daten und Microsoft-Technologien bis hin zu den ersten praktischen Agentic-ERP-Szenarien.
Nach mehr als 25 Jahren im ERP-Umfeld habe ich viele Technologie-Wellen erlebt. Doch was aktuell rund um KI-Agenten entsteht, fühlt sich anders an.
„Und trotzdem hatte ich selten das Gefühl, dass sich die Rolle eines ERP-Systems grundlegend verändert. Genau dieses Gefühl habe ich heute.“
Ein Gefühl, das ich lange nicht hatte
In den letzten 25 Jahren habe ich viele Veränderungen im ERP-Markt erlebt.
Als ich meine ersten ERP-Projekte begleitet habe, bestand eine der großen Herausforderungen darin, Daten überhaupt digital verfügbar zu machen. Später ging es um standardisierte Prozesse, internationale Rollouts, bessere Integration, Cloud-Plattformen und immer mehr Automatisierung.
Jede dieser Entwicklungen hat die Arbeit in Unternehmen verändert. Sie hat Prozesse schneller, transparenter und vernetzter gemacht. Doch die grundsätzliche Rolle des ERP-Systems blieb meist dieselbe: Es stellte Informationen bereit, führte definierte Regeln aus und dokumentierte, was im Unternehmen geschah.
Die Verantwortung für die Einordnung, die Entscheidung und den nächsten Schritt lag beim Menschen. Das war richtig und wird auch künftig wichtig bleiben.
Trotzdem habe ich heute das Gefühl, dass wir an einem neuen Punkt stehen. Nicht nur bei einem weiteren technischen Upgrade, sondern möglicherweise bei einer grundlegenden Veränderung der Rolle von ERP.
Ist Agentic ERP nur der nächste Hype?
Wenn ich aktuell mit Kunden, Kollegen oder Partnern spreche, begegnen mir immer wieder ähnliche Fragen:
- Was bedeutet Agentic AI eigentlich konkret?
- Was unterscheidet einen Agenten von einem Copilot?
- Ist das nur ein weiterer Hype rund um künstliche Intelligenz?
- Und was verändert sich dadurch wirklich im ERP?
Ich halte diese Fragen für absolut berechtigt. Die Begriffe wechseln schnell, die Erwartungen sind hoch und manche Versprechen klingen größer als das, was heute bereits belastbar möglich ist.
Gerade deshalb ist es wichtig, nicht bei Schlagworten zu bleiben. Mich interessiert weniger, wie beeindruckend eine einzelne Demo aussieht. Mich interessiert, ob eine neue Technologie im Alltag eines Unternehmens wirklich einen Unterschied macht.
Je länger ich mich mit den Möglichkeiten von KI-Agenten in Geschäftsprozessen beschäftige, desto stärker wird meine Überzeugung: Agentic ERP könnte die größte Veränderung sein, die ich in meiner ERP-Karriere erlebt habe.
Warum sich diese Veränderung anders anfühlt
Bisher waren ERP-Systeme vor allem Werkzeuge. Sie speicherten Daten, steuerten Transaktionen und unterstützten standardisierte Abläufe. Mit Reporting und Analytics konnten sie Entwicklungen sichtbar machen. Mit Automatisierung konnten sie wiederkehrende Schritte schneller ausführen.
Aber ein System wartete in der Regel darauf, dass ein Mensch eine Frage stellte, einen Bericht öffnete, eine Abweichung erkannte oder einen Prozess startete.
Mit Agentic ERP verschiebt sich dieser Ausgangspunkt. Ein Agent kann innerhalb klarer Vorgaben Informationen aus unterschiedlichen Zusammenhängen auswerten, auf eine relevante Abweichung aufmerksam machen, Handlungsoptionen vorbereiten und bestimmte nächste Schritte anstoßen.
Das klingt zunächst nach einer kleinen Erweiterung. Aus meiner Sicht ist es deutlich mehr. Es verändert die Beziehung zwischen Mensch, Prozess und System.
Ein Beispiel aus dem Einkauf
Nehmen wir eine Situation, die viele Unternehmen kennen: Ein wichtiger Lieferant bestätigt einen Termin nicht, ein Materialbestand sinkt schneller als geplant und gleichzeitig steigt der Bedarf aus offenen Kundenaufträgen.
Heute muss ein Einkäufer diese Signale häufig aus mehreren Listen, Berichten oder Anwendungen zusammenführen. Er prüft Bestände, offene Bestellungen, Bedarfe, Lieferzeiten und mögliche Alternativen. Erst dann kann er die Situation bewerten und handeln.
Ein Agent könnte diese Zusammenhänge früher erkennen. Er könnte das Risiko einordnen, die betroffenen Aufträge identifizieren, alternative Lieferanten oder Materialien prüfen und einen Vorschlag für die nächsten Schritte vorbereiten.
Die Entscheidung bleibt beim Menschen. Aber der Mensch beginnt nicht mehr mit der Suche nach Informationen, sondern mit einer bereits vorbereiteten Situation.
Genau darin liegt für mich ein wesentlicher Unterschied: Das ERP dokumentiert nicht nur, was passiert ist. Es hilft dabei, früher zu erkennen, was als Nächstes passieren könnte und welche Handlung sinnvoll wäre.
Es geht nicht um ein Unternehmen auf Autopilot
Wenn ich über Agentic ERP spreche, meine ich nicht, dass Unternehmen künftig vollständig autonom laufen oder Menschen aus wichtigen Entscheidungen verschwinden.
Geschäftsprozesse enthalten Verantwortung, Erfahrung, Abwägungen und manchmal auch bewusst gewählte Ausnahmen. Diese Dinge lassen sich nicht einfach durch maximale Automatisierung ersetzen.
Die entscheidende Frage lautet für mich daher nicht: Wie automatisieren wir alles?
Sie lautet: Welche Aufgaben binden heute viel Zeit, obwohl sie sich gut vorbereiten oder innerhalb klarer Leitplanken ausführen lassen? Und an welchen Stellen brauchen Menschen bessere Informationen, um schneller und sicherer entscheiden zu können?
Agentic ERP ist dann kein Selbstzweck. Es wird zu einer Möglichkeit, Menschen von Routinen zu entlasten und ihre Aufmerksamkeit auf die Themen zu richten, bei denen Erfahrung und Verantwortung wirklich entscheidend sind.
Meine vorläufige Antwort
Aus meiner Sicht entwickelt sich ERP gerade von einem System zur Verwaltung von Informationen und Transaktionen zu einer Plattform, die Unternehmen aktiver bei ihrer Steuerung unterstützen kann.
Ob daraus tatsächlich die größte ERP-Veränderung meiner Karriere wird, hängt nicht allein von der Technologie ab. Entscheidend werden saubere Daten, klare Verantwortlichkeiten, sichere Leitplanken und vor allem sinnvolle Anwendungsfälle sein.
Aber die Richtung ist für mich klar: Wir werden künftig nicht mehr nur darüber sprechen, welche Informationen ein ERP-System bereitstellt. Wir werden darüber sprechen, welche Rolle es in der täglichen Arbeit übernehmen soll.
Eine Frage zum Abschluss

Ausblick auf Teil 2
Im nächsten Beitrag schaue ich zurück auf die Entwicklung der ERP-Systeme: vom Datenspeicher über Prozessautomatisierung und Analytics bis zum digitalen Kollegen.
Denn um Agentic ERP einordnen zu können, lohnt es sich zu verstehen, wie sich ERP über die vergangenen Jahrzehnte verändert hat und warum wir gerade jetzt an diesem neuen Punkt stehen.
Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag ist bewusst persönlich, meinungsstark und ohne Produktverkauf formuliert. Fachliche Vertiefungen zu Finance, Supply Chain, Daten, Microsoft Fabric, Dynamics 365 und konkreten Einstiegsszenarien folgen in den nächsten Teilen der Serie.
