Vom Datenspeicher zum digitalen Kollegen

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Wie sich ERP-Systeme vom digitalen Gedächtnis über Prozessautomatisierung und Analytics hin zu einer aktiven Unterstützung im Arbeitsalltag entwickeln.


ERP steht vor einem grundlegenden Wandel: von einem System für Transaktionen hin zu einer intelligenten Plattform, in der Daten, KI und autonome Agents zusammenspielen. 

In unserer achtteiligen Agentic ERP Insights Series beleuchtet Marco Rey y Sander, ERP Experte bei Visionet, was dieser Wandel für Unternehmen konkret bedeutet – von Finance und Supply Chain über Daten und Microsoft-Technologien bis hin zu den ersten praktischen Agentic-ERP-Szenarien. 


Im ersten Beitrag habe ich beschrieben, warum sich die Rolle des ERP aus meiner Sicht gerade grundlegend verändert. Um zu verstehen, warum dieser Schritt so besonders ist, lohnt sich ein Blick zurück.

Und dieser Blick zurück fällt mir leicht. Denn alte Computer sind für mich nicht nur Geschichte. Ich sammle sie.

Bei mir stehen unter anderem mehrere AIM-65, unterschiedliche Commodore-CBM-Maschinen und auch viele verschiedene Einplatinenrechner. Rechner aus einer Zeit, in der man noch ziemlich genau wusste, was der Computer gerade tat. Schon deshalb, weil man ihm vieles selbst sagen musste.

Manchmal sehr direkt.

Als Speicher noch etwas Besonderes war

Wer heute mit Gigabyte und Terabyte arbeitet, kann sich kaum vorstellen, wie wertvoll Speicher einmal war.

Bei frühen Rechnern wurde teilweise noch direkt Opcodes in die Speicheradressen geschrieben. Man schrieb Werte in den Speicher, schaute nach, was passierte – und wenn nichts passierte, begann die Fehlersuche.

Keine Cloud. Kein Copilot. Und ganz sicher kein Agent, der freundlich fragte, ob er helfen könne.

Ich erinnere mich noch gut an die Faszination, die solche Maschinen auslösten. Speicher war knapp und teuer. Ein paar Kilobyte waren eine ernst zu nehmende Ressource. Wer besonders viel Geld übrig hatte, konnte seinem Rechner noch etwas zusätzlichen Speicher gönnen. 4096kb waren schon immens viel!

Heute diskutieren wir über KI-Modelle mit Milliarden Parametern. Damals diskutierten wir darüber, ob wir uns noch ein paar Kilobyte leisten konnten.

Ich habe Computer noch als Maschinen kennengelernt, denen man jeden einzelnen Schritt erklären musste. Heute sprechen wir über Systeme, die selbst erkennen sollen, welcher nächste Schritt sinnvoll sein könnte.

Dazwischen liegen nur wenige Jahrzehnte – technologisch liegen Welten dazwischen.

Phase 1: Hauptsache, die Daten sind im System

Auch die Geschichte von ERP beginnt im Grunde mit einer relativ einfachen Aufgabe: Informationen digital verfügbar zu machen.

Artikel, Kunden, Lieferanten, Bestände, Aufträge, Buchungen.

Was heute selbstverständlich klingt, war ein enormer Fortschritt. Informationen mussten nicht mehr ausschließlich auf Papier, Karteikarten oder in getrennten Listen geführt werden. Sie konnten zentral gespeichert, strukturiert und wiedergefunden werden.

Das ERP wurde zum digitalen Gedächtnis des Unternehmens.

Und das war bereits revolutionär. Aber das System wusste nicht, was diese Informationen bedeuteten. Es speicherte sie und führte die Regeln aus, die Menschen zuvor definiert hatten.

Ein bisschen wie meine alten Rechner: beeindruckend zuverlässig – solange man ihnen ziemlich genau sagte, was sie tun sollten.

Phase 2: Aus Daten werden Prozesse

Der nächste große Schritt bestand darin, nicht nur Daten zu speichern, sondern Geschäftsprozesse im System abzubilden. Aus einzelnen Buchungen wurden zusammenhängende Abläufe.

Ein Kundenauftrag beeinflusste den Bedarf. Eine Bestellung führte zum Wareneingang. Der Wareneingang zur Rechnung. Die Rechnung zur Zahlung. Finanzbuchhaltung, Einkauf, Vertrieb, Produktion und Logistik rückten immer enger zusammen.

ERP wurde damit vom Datenspeicher zum Prozesssystem. Prozesse wurden standardisierbarer, transparenter und international skalierbar. Später kamen Workflows und Automatisierungen hinzu. Das System konnte Regeln prüfen, Freigaben anstoßen oder wiederkehrende Schritte automatisch ausführen.

Der Mensch definierte den Prozess. Das System führte ihn aus.

Phase 3: Wir wollten nicht mehr nur speichern – wir wollten verstehen

Mit Business Intelligence, modernen Analytics-Plattformen und immer besseren Datenmodellen kam eine weitere Ebene hinzu. Plötzlich ging es nicht mehr nur darum, was passiert ist, sondern darum, Zusammenhänge zu erkennen.

  • Warum sinkt die Marge?
  • Welche Produkte entwickeln sich anders als erwartet?
  • Wo steigen Bestände?
  • Welche Kunden zahlen später?
  • Wo weicht der Forecast von der tatsächlichen Entwicklung ab?

ERP-Daten wurden damit zunehmend zur Grundlage für Entscheidungen. Das war ein wichtiger Schritt. Aber auch hier blieb eine typische Arbeitsteilung bestehen: Das System stellte Informationen bereit. Der Mensch musste sie finden, interpretieren und daraus eine Handlung ableiten.

Mehr Daten bedeuten nicht automatisch mehr Klarheit.

Phase 4: Das System beginnt, aktiv zu unterstützen

Genau an dieser Stelle wird Agentic ERP für mich spannend. Denn jetzt verändert sich die Logik erneut.

Ein Agent wartet nicht zwingend darauf, dass jemand einen bestimmten Report öffnet oder eine konkrete Frage stellt. Innerhalb definierter Regeln und Berechtigungen kann er Veränderungen beobachten, Informationen aus unterschiedlichen Zusammenhängen einordnen und auf Situationen aufmerksam machen, die relevant werden könnten.

  • Hier entsteht eine Abweichung.
  • Diese Vorgänge könnten betroffen sein.
  • Diese Informationen hängen wahrscheinlich zusammen.
  • Diese Handlungsoptionen sollten geprüft werden.
  • Für diesen nächsten Schritt ist eine Entscheidung erforderlich.

Innerhalb klar definierter Leitplanken kann er bestimmte Aktionen sogar vorbereiten oder anstoßen.

Wir bewegen uns von einem System, das Daten speichert, über ein System, das Prozesse ausführt und Informationen analysiert, hin zu einem System, das Menschen situativ bei ihrer Arbeit unterstützt.

Ist das wirklich ein „digitaler Kollege“?

Ich benutze diesen Begriff bewusst mit etwas Vorsicht. Ein ERP-Agent ist natürlich kein Kollege im menschlichen Sinne. Er besitzt keine jahrzehntelange Erfahrung, übernimmt keine persönliche Verantwortung und kennt auch nicht automatisch die Geschichte hinter jeder Entscheidung.

Und vielleicht ist das sogar ganz beruhigend.

Aber die Art der Interaktion verändert sich. Statt selbst mehrere Systeme und Reports zu durchsuchen, könnte ich künftig mit einer bereits eingeordneten Situation beginnen.

Nicht: „Zeig mir die offenen Bestellungen.“
Sondern eher: „Bei drei Vorgängen entsteht möglicherweise eine kritische Abweichung. Die betroffenen Prozesse und mögliche Optionen sind eingeordnet. Soll ich die nächsten Schritte vorbereiten?“

Die Entscheidung bleibt beim Menschen. Aber der Ausgangspunkt der Arbeit verändert sich fundamental.

Vom Opcode zum Agenten

Wenn ich heute vor einem meiner alten Rechner sitze, muss ich manchmal schmunzeln. Bei einem Einplatinenrechner konnte eine falsche Speicheradresse reichen und das Ergebnis war – sagen wir – überschaubar.

Manchmal passierte einfach gar nichts. Das war immerhin eine sehr ehrliche Form der Fehlermeldung.

Heute diskutieren wir darüber, ob ein ERP-System selbstständig Zusammenhänge erkennen, Handlungsmöglichkeiten vorbereiten und innerhalb definierter Grenzen Aktionen ausführen kann. Für mich macht gerade dieser Vergleich die Entwicklung greifbar.

Früher mussten wir lernen, wie der Computer denkt, damit wir ihm exakt sagen konnten, was er tun soll. Heute gestalten wir Systeme, die unseren geschäftlichen Kontext besser einordnen und uns bei der nächsten sinnvollen Handlung unterstützen.

Was sich dabei nicht verändert

Bei aller Begeisterung für die Technologie gibt es allerdings einen Punkt, den ich für entscheidend halte: Agentic ERP funktioniert nicht durch Magie.

Ein Agent braucht verlässliche Daten, klare Berechtigungen, nachvollziehbare Regeln und definierte Grenzen. Unternehmen müssen entscheiden, wo ein Agent lediglich informiert, wo er Vorschläge macht und wo er tatsächlich handeln darf.

Je intelligenter unsere Systeme werden, desto klarer müssen wir als Unternehmen wissen, wie wir arbeiten wollen.

Meine persönliche Sicht

Ich habe Computer als Maschinen kennengelernt, bei denen Speicher knapp war und jeder Befehl sehr bewusst gesetzt werden musste. Später habe ich erlebt, wie ERP-Systeme immer größere Teile von Unternehmen miteinander verbunden haben. Dann kamen Cloud, Analytics, Automatisierung und Copilots. Und jetzt beginnen wir darüber nachzudenken, welche Aufgaben ein ERP-System künftig aktiv übernehmen kann.

Vielleicht begeistert mich Agentic ERP deshalb so sehr. Nicht, weil ich glaube, dass plötzlich alles autonom funktionieren wird. Sondern weil sich nach Jahrzehnten möglicherweise eine der grundlegendsten Fragen verändert:

Wir fragen nicht mehr nur, was ein ERP-System kann. Wir beginnen zu fragen, welche Rolle es in unserem Unternehmen übernehmen soll.

Eine Frage zum Abschluss

Wenn Ihr ERP morgen nicht mehr nur Informationen bereitstellen, sondern Sie aktiv bei Ihrer Arbeit unterstützen könnte: Welche Aufgabe würden Sie ihm als Erstes übertragen?

Ich freue mich auf den Austausch über konkrete Prozesse, realistische Einstiegspunkte und darüber, wo ein „digitaler Kollege“ tatsächlich Mehrwert schaffen kann.

Ausblick auf Teil 3

Im nächsten Beitrag wird es konkreter. Ich schaue auf Finance und die Perspektive des CFO: Was bedeutet Agentic ERP für Forecasts, Cashflow, Abweichungen, Compliance und wiederkehrende Finanzprozesse?

Denn gerade im Finance-Bereich zeigt sich sehr schnell, ob Agentic ERP nur eine interessante technologische Idee bleibt – oder im Unternehmensalltag tatsächlich messbaren Nutzen schafft.

Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag ist bewusst persönlich, meinungsstark und ohne Produktverkauf formuliert. Fachliche Vertiefungen zu Finance, Supply Chain, Daten, Microsoft Fabric, Dynamics 365 und konkreten Einstiegsszenarien folgen in den nächsten Teilen der Serie.
 

Malion

Marco Rey y Sander, ERP Experte bei Visionet